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Ausstellungsnotiz · Deutsch

Vor den Bildern von Munch und Lassnig

Über meine Reaktion vor den Bildern, Lassnigs Körpergefühl und den Blick auf Frauen.

Ausstellung
Maria Lassnig und Edvard Munch. Malfluss = Lebensfluss
Ort
Hamburger Kunsthalle
Laufzeit
27. März – 30. August 2026
Text
September 2026

Beim Besuch der Ausstellung zu Edvard Munch und Maria Lassnig in der Hamburger Kunsthalle wusste ich manchmal nicht, wohin ich schauen sollte. Um mich herum standen viele Menschen. Vor Bildern mit offen sexuellen Szenen wurde ich befangen. Ich traute mich nicht, länger hinzusehen. An solchen Werken bleibe ich meist nicht lange stehen. Diesmal überraschte mich aber meine eigene körperliche Reaktion.

Ich erinnere mich an Bilder von Tieren im Kontakt mit weiblichen Körpern. Es sah aus, als würden sie an Brüsten oder am Intimbereich lecken. Die Titel und die Namen der Künstler kann ich heute nicht mehr sicher zuordnen. An die Lust erinnere ich mich aber gut. Nach der ersten Verlegenheit kamen freudige Überraschung und Staunen. Mit so einer Wirkung auf meinen Körper hatte ich nicht gerechnet. Dabei hatte ich noch gar nicht auf den Namen des Künstlers geachtet.

Bei Lassnig dachte ich immer wieder: Diese Frau ist mutig. Ich fand sie großartig. Das hatte auch mit meiner eigenen Unsicherheit zu tun. Neben anderen Menschen traute ich mich kaum, länger hinzusehen. Sie dagegen malte ihren eigenen Körper und zeigte ihn öffentlich. Auf mich wirkte das ganz unbefangen. Ich zögerte schon beim Hinschauen. Sie machte ihren Körper zum Teil ihrer Kunst.

Mich beschäftigte aber auch die Art, wie sie den Körper malte. In den Bildern meiner Erinnerung waren die Körperteile nicht immer klar zu erkennen. Manchmal lösten sich die Umrisse auf. Der Körper ging in die Farben um ihn herum über. Sogar mit dem Wort „Hintergrund“ war ich mir unsicher. Was soll hier noch Hintergrund heißen, wenn Körper und Umgebung ineinander übergehen?

Beim Schreiben habe ich mir die Abbildungen auf der Website der Kunsthalle noch einmal angesehen. Das Bild „3 Arten zu sein“ von 2004 passt gut zu dieser Erinnerung.[1] Leuchtendes Gelb füllt die Fläche. Links treffen kräftiges Rosa, Grün und Blau aufeinander. Die Konturen des Körpers sind dick. In der Mitte steht eine gebogene rosa Form, fast wie ein Rohr. Als Körper ist sie kaum zu erkennen. Rechts stützt eine Figur das Gesicht auf die Hand. Ihr Rumpf ist blass und mit wenigen Linien umrissen. Das Gelb der Umgebung scheint in den Körper hineinzulaufen.

Im selben Bild wirkt ein Körper deutlich und voll, ein anderer fremd, ein dritter fast verschwunden. Mit den Farben und Umrissen verändert sich auch das Verhältnis zur Umgebung. Manche Stellen heben sich klar ab. Andere gehen beinahe im Raum auf. Beim Anschauen merke ich: Eine menschliche Form zu erkennen reicht hier noch nicht. Je genauer ich hinsehe, desto weniger selbstverständlich erscheint mir dieser Körper.

Lassnig beschäftigte sich mit dem „Körpergefühl“. Ihre eigenen körperlichen Empfindungen waren eine wichtige Grundlage ihrer Arbeit.[2] Damit kann ich diese Bilder besser verstehen. Ich spüre nicht jede Stelle meines Körpers gleich stark. Ein Schmerz oder ein Druck kann meine Aufmerksamkeit auf einen einzigen Bereich lenken. Andere Stellen nehme ich dann kaum wahr. So lassen sich auch die betonten, fehlenden oder verformten Körperteile in ihren Bildern lesen. Ihre Malerei folgt dem Gefühl für den Körper. Seine vertraute Form darf dabei verloren gehen.

So verstehe ich ihren Mut inzwischen besser. In ihren Bildern haben auch Schwäche, Anspannung und Zweifel Platz. Man muss nicht frei von Unsicherheit sein, um sich selbst zu zeigen. Lassnig entscheidet selbst, wie sie ihren Körper malt. Sie folgt ihrem Empfinden. Der Körper darf dabei auch fremd aussehen.

Die Berührungen im Bild lösten aber auch in meinem Körper etwas aus. Während ich noch über meinen Blick nachdachte, spürte ich schon Lust. Das war zunächst mein eigenes Gefühl. Was erfuhr ich dabei über die Frau im Bild und ihr Erleben? Meine Reaktion und ihre Erfahrung sind nicht einfach dasselbe.

Mit dieser Frage komme ich wieder auf Munch zurück. Er erschien mir zunächst vor allem melancholisch. Einige seiner dunklen Bilder fand ich geradezu unheimlich. Doch wessen Gefühle spüre ich dort, wenn es um Frauen und ihre Lust geht? Besonders beschäftigt mich seine Folge „Alpha und Omega“. Sie besteht aus Lithografien und einem Prosagedicht. Omega, die Frau, hat sexuelle Beziehungen zu Tieren und bekommt Kinder. Alpha, der Mann, tötet sie. Danach töten ihre Nachkommen und die Tiere der Insel auch ihn.[3]

Das MUNCH-Museum zitiert eine Passage über Alphas Angst. Er läuft am Meer entlang. Himmel und Meer erscheinen blutrot. Die Welt um ihn herum bebt.[3] Die Beschreibung macht seine Angst sehr anschaulich. Deshalb möchte ich genauer auf den Platz beider Figuren in der Erzählung achten. Die Geschichte verbindet Omegas Lust mit der Katastrophe. Auch Alphas Gewalt endet mit seinem Tod. Ich will nicht nur wissen, wie die Geschichte ausgeht. Ich möchte auch die beiden Figuren besser verstehen. Eine Frau kann die Handlung vorantreiben. Ob ich dadurch auch ihre Gefühle verstehe, ist eine andere Frage.

Genau das beschäftigt mich auch bei Frauenfiguren im Film. Ich forsche zu Frauen und Gewalt im chinesischen Kino, vor allem in Filmen der Sechsten Generation. Eine Kamera kann zeigen, wie eine Frau zur Waffe greift. Damit kenne ich ihre Erfahrung noch nicht. Nach ihrer Tat könnte die Kamera bei ihr bleiben. Sie könnte aber auch sofort die Angst der anderen zeigen. Solche Entscheidungen lenken meine Aufmerksamkeit auf ihre Lage oder auf die Bedrohung für ihre Umgebung. Auch Ton und Raum spielen dabei eine Rolle. An einer solchen Szene wird die Frage nach weiblicher Subjektivität für mich konkret: Wird die Frau auch als jemand mit eigenen Empfindungen und Erfahrungen sichtbar?

Die Bilder haben mich berührt. Zugleich versuche ich jetzt besser zu verstehen, wie sie das getan haben. Meine Bewunderung für Lassnig ist dabei geblieben. Ich traute mich kaum, länger hinzuschauen. Sie malte ihren eigenen Körper. Über diesen Unterschied möchte ich noch etwas länger nachdenken. Und ich möchte ihren Bildern Zeit geben, auch ohne sofort alles zu verstehen.

Ausstellung und Quellen

  • [1] Ausstellung und Abbildung

    Hamburger Kunsthalle: „Maria Lassnig und Edvard Munch. Malfluss = Lebensfluss“, 27. März bis 30. August 2026. „3 Arten zu sein“ (2004), Öl auf Leinwand, 126 × 205 cm, Maria Lassnig Stiftung. Die Bildbetrachtung entstand beim erneuten Anschauen der Abbildung auf der Museumswebsite.

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  • [2] Körpergefühl

    Maria Lassnig Stiftung: Einführung zu Lassnigs Leben und Werk und zum Begriff „Körpergefühl“ / „body awareness“.

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  • [3] Alpha und Omega

    MUNCH: „Edvard Munch’s Alpha and Omega“. Informationen zur Folge aus den Jahren 1908–1909 und ein Auszug zur Angst Alphas. Die Passage ist hier sinngemäß wiedergegeben.

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Jiawen Zhang · September 2026Deutsch